Lehrermangel, knappe Ressourcen und ungleiche Chancen – in Wiens „Brennpunktschulen“ kämpfen Lehrkräfte und Schüler*innen um Bildungserfolge. Wie prägt ein herausforderndes Umfeld die Bildungschancen von Kindern? Was bedeutet es, in einer sogenannten „Brennpunktschule“ zu unterrichten? Oft stellt man sich diese Fragen von außen – doch ein genauer Blick in den Schulalltag zeigt, wie komplex die Realität wirklich ist und warum Hoffnung trotz aller Hürden bestehen bleibt.
Ein fordernder Alltag
Christina T., Lehrerin mit über 30 Jahren Erfahrung, unterrichtet in einer Integrationsklasse in Wien Floridsdorf: „Wir haben bis zu 15 verschiedene Sprachen in der Klasse und Kinder mit Förderbedarf – da ist Fingerspitzengefühl gefragt.“ Die Förderung sei oft ein Balanceakt. Manche Kinder glänzen im Unterricht, andere kämpfen mit grundlegenden Aufgaben.
Der Begriff „Brennpunktschule“ – ein Stigma?
Der Begriff „Brennpunktschule“ wird oft als Synonym für Chaos verwendet – eine Zuschreibung, die viele kritisch sehen. Christina T. betont: „Die Kinder kommen motiviert in die erste Klasse, und wir geben alles, damit sie ihre Begeisterung behalten.“
„Von der Medizin bis ins Gefängnis“
Die Bildungswege ihrer Schüler*innen könnten unterschiedlicher nicht sein:
„Ich hatte Kinder, die später Medizin studiert haben – und andere, die im Gefängnis gelandet sind.“
Diese Bandbreite zeigt, wie prägend das schulische Umfeld sein kann. Aber auch, wie stark äußere Einflüsse die Chancen beeinflussen. „Wir begleiten sie nur ein paar Jahre. Was danach passiert, liegt oft außerhalb unserer Reichweite.“
„Manche Familien leben in Armut. Da gibt es Kinder, die träumen von einer akademischen Karriere, aber denen fehlt jegliche Unterstützung.“ Trotzdem seien Schulen wichtige Ankerpunkte: „Wenn Kinder morgens voller Vorfreude kommen, dann wissen wir: Wir machen etwas richtig.“
Kampf mit dem System
Überfüllte Klassen, mangelnde Mittel und hohe Belastung prägen den Alltag:
„Wir bekommen Geld für Papier und Toner. Alles andere zahlen wir oft aus eigener Tasche.“
Lehrkräfte bringen häufig private Materialien mit. „Ich habe Spiele in die Schule gebracht, um den Unterricht abwechslungsreicher zu gestalten“, erzählt Christina T. Doch es gibt Grenzen: „Ich kann nicht für alle individuell basteln – dafür fehlt die Zeit und Unterstützung.“
Der Einfluss digitaler Medien
Neben strukturellen Problemen sieht Christina T. auch neue Herausforderungen:
„Kinder im Volksschulalter schauen TikTok-Videos und spielen Fortnite. Das beeinträchtigt ihre Konzentrationsfähigkeit.“

Obwohl es ein Handyverbot gibt, sei der Einfluss digitaler Medien groß. „Viele Eltern wissen nicht, wie sie ihre Kinder sinnvoll beschäftigen sollen.“ Besonders Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten oder im Autismus-Spektrum reagieren stark auf audiovisuelle Reize: „Manche Eltern setzen die Kinder vor den Bildschirm, weil sie nicht mehr wissen, wie sie den Alltag meistern sollen.“
„Das sind die Erfolge, die bleiben“
Bei allen Schwierigkeiten gibt es Momente, die Christina T. motivieren: Es sei beeindruckend, welche Entwicklung Kinder machen können, wenn sie gefördert werden. „Ich denke oft an Schüler*innen, die schwierige Fälle waren und später ihren Schulabschluss gemacht haben.“ Der Abschied von einer Klasse bleibt emotional: „Ich sage ihnen ehrlich: ‚Ihr seid bereit für den nächsten Schritt.‘“
Ein ehemaliger Schüler aus Wien Favoriten blickt zurück
Ali S., heute Zugbegleiter bei der ÖBB, erinnert sich an seinen Schulweg:
„Es war nicht einfach. Ich habe oft gezweifelt. Da ich als Quereinsteiger erst in der vierten Volksschulklasse angefangen habe, habe ich gemerkt, dass meine Lehrerin überfordert war und nicht wirklich wusste, wie sie mir helfen kann, mich in den Schulalltag zu integrieren.“
In seiner Schulzeit verbrachte er viel Zeit mit den falschen Leuten:
„Meine Eltern hatten wegen der Arbeit wenig Zeit für mich. Ich habe mich treiben lassen.“
In seinen 20ern fand er zurück: „Ich wollte nicht mehr so weitermachen.“ Heute versteht er Jugendliche, die Ärger machen:
„Ich weiß, wie man in so eine Spirale rutscht. Aber es gibt immer Hoffnung – Man braucht manchmal nur eine Person, die an einen glaubt.“
Ein Appell an die Politik
Die Erfahrungen zeigen: Es braucht kleinere Klassen, mehr Unterstützungspersonal und bessere Mittel.
„Eine Lehrkraft alleine kann keine Wunder vollbringen.“
Ohne Veränderungen blieben Kinder auf der Strecke. „Jedes Kind verdient die Chance auf eine gute Bildung – unabhängig von Herkunft und sozialem Status.“ Christina T. fordert gezielte Maßnahmen, um Schulen in belasteten Bezirken zu entlasten.