Ob in Fitnessstudios oder im Supermarktregalen: Proteinpulver, -riegel und -shakes sind allgegenwärtig. Sie versprechen schnelle Muskeln, Fettverbrennung und Leistungssteigerung. Doch wie viel Protein braucht der Körper tatsächlich und wann wird der Trend zur Gefahr?
Von Leonie Mülleder & Nadine Ohrner
Der Proteinboom ist heute mehr als ein Ernährungstrend, er ist ein Lifestyle. Was in den 1950er Jahren mit Bodybuilding begann, ist heute ein Milliardenmarkt. Social Media und die dort gelebte Fitnesskultur befeuern den Hype zusätzlich. Laut Marktanalysen soll der Umsatz mit Proteinprodukten in Europa bis Ende des Jahres 2025 auf 8,91 Milliarden US-Dollar steigen, mit einem jährlichen Wachstum von über 11%.
Eiweiß – wichtiger Nährstoff mit Grenzen
Eiweiß ist ein lebenswichtiger Nährstoff. Der Körper braucht es vor allem für den Muskelaufbau, den Muskelerhalt, die Enzym- und Hormonbildung und der Unterstützung des Immunsystems. „Eiweiß ist wichtig, ja – aber nicht alles“, betont Miriam Vötter, Diätologin und Sporternährungscoach im Bezirkskrankenhaus Schwaz und in freiberuflicher Praxis. „Wird auf Kohlenhydrate oder Fette verzichtet, leidet der Energiestoffwechsel“. Idealerweise nutzt der Körper Eiweiß nicht zur Energiegewinnung, sondern als Baustoff für Muskeln, Enzyme und Immunzellen. Dafür muss ihm ausreichend Energie und Kohlenhydrate zur Verfügung stehen.
Laut der WHO liegt der tägliche Proteinbedarf bei 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. Je nach Aktivitätslevel und Alter kann sich der Bedarf auf bis zu 2 Gramm steigern.
„Eine erhöhte Proteinzufuhr kann bei intensiver sportlicher Belastung sinnvoll sein, doch viele Freizeitaktive überschätzen ihren Bedarf deutlich.“
, warnt die deutsche Gesellschaft für Sportmedizin. Tamara Knezevic, Diätologin im Primärversorgungszentrum Wien und selbstständige Ernährungsberaterin, verweist auf Studien, die zeigen, dass eine erhöhte Zufuhr von bis zu 3 Gramm bei gesunden Personen über ein Jahr keine negativen Auswirkungen hat.
Proteinshakes statt ausgewogener Ernährung

Für viele sind Proteinshakes und -Riegel die schnellste Lösung ihren Eiweißbedarf zu decken. Beide Diätologinnen sind sich einig: „Entscheidend ist das ´Food First-Prinzip“. Was über normale Lebensmittel gedeckt werden kann, sollte nicht mit Nahrungsergänzungsmitteln ersetzt werden. Natürliche Eiweißquellen wie Milchprodukte, Hülsenfrüchte, Fisch oder Eier liefern neben Protein auch Vitamine, Mineralstoffe und Ballaststoffe, die in Pulverform oft fehlen.
Proteinshakes können Muskelaufbau, Regeneration und Gewichtsmanagement unterstützen. Gleichzeitig bergen sie Risiken, wie versteckte Inhaltsstoffe und Überdosierung. Expert:innen der deutschen Gesellschaft für Sportmedizin berichten in ihrer Positionsschrift davon, dass eine übermäßige Einnahme von Proteinpräparaten ohne medizinische Indikation nicht nur unnötig, sondern langfristig auch belastend für den Stoffwechsel und Organe sein kann. Dies betrifft unter anderem Menschen mit Bluthochdruck, Adipositas oder Nierenvorerkrankungen. Aufklärung ist entscheidend, um Nutzen und Risiken individuell abzuwägen.
Neben gesundheitlichen Aspekten spielt auch der Preis eine Rolle. Fertige Proteinshakes kosten im Handel etwa drei bis fünf Euro pro Portion, Proteinriegel liegen meist bei zwei bis drei Euro pro Stück. Proteinpulver ist auf den ersten Blick günstiger, kostet je nach Marke und Qualität rund 20 bis 30 Euro pro Kilogramm. Wie regelmäßig zu solchen Produkten gegriffen wird, kann sich damit nicht nur auf die Ernährung, sondern auch auf das Haushaltsbudget auswirken.
Proteinshake ist dabei nicht gleich Proteinshake. Je nach Ziel, Zusammensetzung und Herkunft unterscheiden sich die Produkte deutlich, von klassischen Molkeproteinen bis hin zu pflanzlichen Alternativen. Ein Blick auf die verschiedenen Arten zeigt, wie unterschiedlich Proteinpräparate aufgebaut sein können.

Proteinshake ist dabei nicht gleich Proteinshake. Je nach Ziel, Zusammensetzung und Herkunft unterscheiden sich die Produkte deutlich, von klassischen Molkeproteinen bis hin zu pflanzlichen Alternativen. Ein Blick auf die verschiedenen Arten zeigt, wie unterschiedlich Proteinpräparate aufgebaut sein können.
Wenn Gesundheit zum Trend wird
Supplemente können sinnvoll sein, wenn der Bedarf nicht anders gedeckt werden kann, wie etwa bei Leistungssport, Appetitmangel im Alter oder Veganismus. „Dann ist ein Shake besser als zu wenig Eiweiß“, sagt Knezevic. Für Diäten oder Gewichtsmanagement hält sie die Produkte aber für ungeeignet: „Der sogenannte Jo-Jo-Effekt ist vorprogrammiert.“
Auch psychisch kann der Trend belasten. „Sobald Eiweiß allein als heiliger Gral angesehen wird und Menschen Angst vor anderen Nährstoffen entwickeln, wird es Zeit, das Ernährungsverhalten zu überdenken“, warnt Vötter. In ihrer Praxis beobachtet sie häufig, wie der übertriebene Fokus auf Protein bei manchen in ein gestörtes Essverhalten kippt, etwa durch Angst vor Kohlenhydraten oder übermäßige Kontrolle beim Essen.
Zwischen Sixpackideal und Shakerkultur
Auf Sozialen Medien wie Instagram oder TikTok wird Eiweiß zum Lifestyle. Fitness-Influencer:innen posieren mit Shakes und suggerieren, der perfekte Körper sei ohne Supplemente unerreichbar. Dabei handelt es sich um Werbung, die oft mit vermeintlicher Expertise vermischt wird. „Viele übernehmen das Essverhalten anderer, ohne zu prüfen, ob es zum eigenen Leben passt“, erklärt Vötter. Knezevic ergänzt: „Es ärgert mich, wie viel Fehlinformation verbreitet wird.“
Der aktuelle Hype ist dabei weniger zufällig als strategisch gewachsen. Während Eiweiß lange vor allem im Leistungs- und Kraftsport eine Rolle spielte, wurde es in den vergangenen Jahren zunehmend als Alltagsprodukt vermarktet. Fitness Influencer inszenieren Proteinprodukte als festen Bestandteil eines modernen, leistungsorientierten Lebensstils. Einzelne prominente Figuren der Szene prägten diesen Trend früh, stehen heute jedoch auch in der Kritik.
Next Level Protein: Insekten à la carte

„Wie sich der Hype weiterentwickelt, bleibt fraglich“, meint Knezevic. „Ich glaube, der Trend wird bleiben, nur in einer anderen Form“. Sie beobachtet neue Entwicklungen wie Insektenprotein oder pflanzliche Alternativen. Auch Vötter sieht kein Ende: „Die Hauptnährstoffe wechseln regelmäßig zwischen Hype und Ablehnung. Langfristig macht aber nur ein Gleichgewicht Sinn, ohne Gut-und-Böse-Kategorien.“
Linksammlung
Barbend: Geschichte der Proteinshakes (Z.z.: 23.11.2025)
BMJ: Proteinzufuhr und Gesundheitliche Folgen (Z.z.: 23.11.2025)
DGE: Positionspapier zur Proteinzufuhr (Z.z.: 23.11.2025)
Der Standard: Warum High-Protein-Lebensmittel wirklich keinen Sinn machen (Z.z.: 23.11.2025)
Frontiers: Auswirkungen proteinreicher Ernährung (Z.z.: 23.11.2025)
Grand View research: Marktanalyse (Z.z.: 23.11.2025)
Market Data Forecast: Marktanalyse (Z.z.: 23.11.2025)
Springer Nature: Proteinzufuhr im Alter (Z.z.: 23.11.2025)
The Barbell: Nahrungsergänzungsmittel im Überblick (Z.z.: 23.11.2025)
WHO: Healthy Diet (Z.z.: 23.11.2025)