Smartphones sind heute aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Viele Eltern nutzen sie auch während der gemeinsamen Zeit mit ihren Kindern, oft ohne die möglichen Folgen zu bedenken. Warum die „digitale Abwesenheit“ im Familienalltag so problematisch ist – und was Eltern dagegen tun können.
Von Emilia Reseterits & Theresa Tschol
Das Smartphone ist ein ständiger Begleiter – auch im Familienleben. Im Schnitt wird das Handy in Österreich 20-mal pro Tag auf versäumte Anrufe oder neue Nachrichten geprüft. Ständige Benachrichtigungen führen dazu, dass die meisten Menschen keine längere Zeit ohne Smartphone verbringen – so auch Eltern. In einer Befragung des Beratungsunternehmens Deloitte gaben ein Viertel der Befragten an, das Smartphone täglich vier bis fünf Stunden zu nutzen.
Doch wie wirkt sich das auf Kinder aus, wenn Eltern aufgrund ihres Smartphones abgelenkt sind? Man könnte denken, dass die Kinder davon nichts mitbekommen. Der in der Wissenschaft neu eingeführte Begriff „Technoferenz“, also die Unterbrechung menschlicher Interaktion durch Handys oder andere technische Geräte, zeigt jedoch, dass dies negative Folgen für Babys, Kinder und Jugendliche haben kann.
Kinder brauchen uneingeschränkte Aufmerksamkeit
Eltern, die in Anwesenheit ihrer Kinder vom Handy abgelenkt sind, reagieren wie Untersuchungen zeigen, weniger aufmerksam und feinfühlig auf ihre Kinder. Diese aber bräuchten – laut der Fachstelle für Suchtprävention VIVID – um eine sichere Bindung zu Bezugspersonen aufbauen zu können, uneingeschränkte Aufmerksamkeit. „Feinfühlige Interaktionen und das Einfühlen in die kindlichen Bedürfnisse in den ersten Lebensmonaten sind für die gesunde psychische, emotionale und soziale Entwicklung des Kindes sehr wichtig.“, schreibt Marion Hantinger, Schulpsychologin und Mitarbeiterin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg in einem Artikel.
Schon die bloße Anwesenheit eines Handys kann die Qualität und Freude an einer Interaktion mindern. Erste Ergebnisse von Studien zeigen, dass Eltern aufgrund des Smartphones weniger mit ihren Kindern sprechen. Dies kann zu einem eingeschränkten Vokabular und Verzögerung in der Sprachentwicklung führen, wie die Tageszeitung „Der Standard“ berichtet. Viele Eltern greifen in stressigen Situationen instinktiv zum Handy – Forscher vermuten, dass der Blick aufs Display kurzfristig Entlastung vom quengelnden Kind verschafft.
Auch im Jugendalter kann sich dieser Effekt fortsetzen: Laut einer kanadischen Untersuchung geht Technoferenz mit häufigeren Konflikten zwischen Eltern und Jugendlichen einher. Eine hohe elterliche Smartphone-Nutzung steht darüber hinaus im Zusammenhang mit auffälligem kindlichem Verhalten sowie kindlichen Schlaf- und Essstörungen.

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Ein bewusster Umgang als Lösung
Andrea Buhl-Aigner, Smartphone-Coach für Eltern und Lehrkräfte, erklärt, dass sie es als eine der größten Herausforderungen für Eltern sieht, die eigene Vorbildwirkung der Smartphone-Nutzung einzuschätzen und aktiv zu nutzen. Eltern, die zu ihr kommen, sehen den Fehler tendenziell in der Smartphone-Nutzung ihrer Kinder und vergessen oft, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen.
Zu dieser Thematik verweist die Fachstelle für Suchtprävention VIVID auf eine Umfrage des US-amerikanischen Meinungsforschungsinstituts. Befragt wurden Jugendliche im Alter von 13 bis 17 Jahren zu ihrem Verhalten am Smartphone sowie zum Umgang ihrer Eltern mit dem Gerät. Nahezu 46 Prozent der Jugendlichen gaben an, dass ihre Eltern gelegentlich vom Smartphone abgelenkt sind. Bei der Selbsteinschätzung der Eltern zeigte sich ein anderes Bild: Nur 31 Prozent der Eltern gaben an, in der Kommunikation mit ihren Kindern gelegentlich vom Smartphone abgelenkt zu sein. Zugleich räumten 47 Prozent der Eltern ein, insgesamt „zu viel Zeit am Smartphone“ zu verbringen.
„Selbst finde ich es immer ganz wertvoll, den eigenen Handlungsspielraum in täglichen kleinen Entscheidungen zu erkennen“, meint Buhl-Aigner und verweist auf Armbanduhren und Radiowecker als mögliche Alternativen. Sie erwähnt auch Apps, die die eigene Bildschirmzeit tracken und beim Reflektieren hilfreich sein können. Weiters haben sich über die letzten Jahre bereits Angebote etabliert, die sich rund um das Thema Digital Detoxing drehen, wie z.B. der “Offtober”, in dem ein ganzer Monat medienfrei oder ganz ohne Smartphone verbracht wird.
Prävention, Achtsamkeit und ein verantwortungsvoller Umgang
Buhl-Aigner plädiert dafür, dass Präventionsmaßnahmen auf möglichst vielen Wegen erfolgen sollten. Am besten überall, wo Menschen mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien arbeiten. Dies können beispielsweise Kindergärten, Schulen, Gesundheitseinrichtungen und auch Beratungsstellen sein. Es wäre sinnvoll, wenn dieses Thema zu einem Alltags- bzw. Allgemeinwissen wird, so die Expertin.
Antonia Dinzinger – Psychologin der Paracelsus Medizinischen Universität Salzburg – betont im Interview mit „Der Standard“, dass es nicht darum ginge, Smartphones zu verteufeln, sondern darum, einen bewussten Umgang zu fördern.
Info-Box
- Artikel: “Emotionale Abwesenheit durch Mediennutzung in Familien” (Televizion)
- Artikel: “Smartphones können die frühe Eltern-Kind-Interaktion stören” (Pädiatrie)
- VIVID: Fachstelle für Suchtprävention – Eltern am Smartphone – VIVID – Fachstelle für Suchtprävention
- WIENXTRA – Internet- & Handysucht – Infos für junge Leute
- Expertin Andrea Buhl-Aigner – Smartphone Coach für Eltern und Lehrkräfte