Medfluencer im Fokus: Wem können wir online noch glauben?

Auf Social Media gewinnen medizinische Inhalte stark an Bedeutung. Medfluencer erreichen neue Zielgruppen, vermitteln Wissen und schaffen Nähe, stellen die Gesundheitskommunikation jedoch vor Risiken und offene Fragen. Expertinnen und Experten liefern eine Einordnung.

Von Angelina Staller und Sarah Schabernak

Soziale Medien haben sich in den vergangenen Jahren zu einer wichtigen Quelle für Gesundheitsinformationen entwickelt. Besonders Medfluencer, das sind Personen, die medizinische oder gesundheitsbezogene Inhalte produzieren, erreichen damit immer größere Zielgruppen. Sie erklären Symptome, kommentieren Therapieformen oder geben Einblicke in medizinische Arbeitsfelder. Der Begriff Medfluencer, umfasst ausgebildete Ärzt:innen, ebenso wie Pflegekräfte, Medizinstudent:innen, Psycholog:innen oder Gesundheitscoachs, deren Qualifikation stark variieren kann. Doch nicht alle, die Gesundheitsinhalte veröffentlichen, verfügen über eine medizinische Ausbildung. Neben Fachpersonal treten zunehmend auch Laien, selbsternannte Gesundheitsgurus sowie Agenturen, Unternehmen oder Dienstleister als Medfluencer auf. Auch Personen ohne formale Qualifikation im Gesundheitswesen können als „Expert:innen“ wahrgenommen werden – etwa, wenn Patient:innen mit seltenen Erkrankungen wie Mukoviszidose ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem teilen.

In solchen Fällen handelt es sich um Erfahrungswissen, das wertvoll und authentisch sein kann, aber auf individuellen Erlebnissen basiert. Dieses Wissen unterscheidet sich vom wissenschaftlichen Expertenwissen, da es nicht verallgemeinert werden kann.

Wichtig ist, diese Perspektiven zu unterscheiden: Erfahrungswissen kann Betroffenen Orientierung bieten, ersetzt jedoch keine fachlich geprüften Informationen.

In den sozialen Medien trifft man allerdings auch viele Medfluencer ohne tatsächliche Expertise. Bevor man deren Ratschlägen folgt, lohnt sich daher ein kritischer Blick:
Hat die Person die nötige Qualifikation, um über dieses Thema zu sprechen oder teilt sie lediglich persönliche Eindrücke?

Warum Gesundheitsinhalte auf Social Media so gut funktionieren

Forschungen zeigen, dass Gesundheitsinhalte auf Plattformen wie TikTok oder Instagram vor allem deshalb so gut funktionieren, weil sie niederschwellig und personalisiert sind. Die Videos sind kurz, verständlich und wirken durch die direkte Ansprache besonders nahbar. Für viele Nutzer:innen, die klassische Informationswege kaum nutzen, werden Medfluencer zur ersten Anlaufstelle. Eine Studie aus 2024 bestätigt, dass persönliche Erfahrungsberichte dabei oft als glaubwürdiger wahrgenommen werden, als wissenschaftliche Fakten.

Nach Einschätzung des Gesundheitskommunikations-Experten Sascha Gell spielt Authentizität eine zentrale Rolle. „Medfluencer bieten personalisierte Inhalte und erreichen Gruppen, die traditionelle Institutionen kaum noch erreichen“, sagt er. Im Vergleich zu Behörden oder Einrichtungen des Gesundheitswesens sind deren Botschaften emotionaler und interaktiver. Das eröffne Chancen für Aufklärung, aber auch Risiken, so der Experte. Gell kritisiert, dass viele Medfluencer nicht an fachliche Standards gebunden seien. Zudem begünstige der Algorithmus verkürzte oder zugespitzte Darstellungen. „Komplexe medizinische Inhalte lassen sich in kurzen Formaten schwer vollständig wiedergeben.“

Auch die Forscherin für Gesundheitskommunikation, Elena Engel betont im Interview, dass Nutzer: innen das Gefühl hätten, Medfluencern nahe zu stehen. „Diese Nähe erhöhe das Vertrauen immens“, sagt sie. Engel warnt vor „Red Flags“, wie nicht eingeordneter Expertise, versteckter Werbung oder Heilversprechen ohne Evidenz. Besonders Jugendliche seien anfällig für einfache Problemlösungen, die in Sozialen Medien viral gehen.

Eine Herausforderung besteht darin, dass klassische medizinische Fachkräfte online kaum präsent sind. Laut der Kommunikationswissenschaftlerin Brigitte Naderer liege das unter anderem daran, das medizinisches Personal nicht darin geschult sei, Inhalte für soziale Medien aufzubereiten. „Kommunikative Selbstpräsentation ist kein Teil der medizinischen Ausbildung“. Zudem seien manche Fachbereiche schwerer darstellbar als andere. Gleichzeitig stehe medizinisches Personal unter besonderer Verantwortung, wie Datenschutz, professionelle Distanz und der Umgang mit Patientengeschichten, all das setzt Grenzen.

Medfluencer bei der Arbeit
© (Angel Moranchel via Pexel)

Risken: Fehlende Standards, Werbung und vereinfachte Diagnosen

Besonders heikel bewertet Naderer die zunehmende Vermischung von medizinischen Inhalten und Lifestyle Produkten wie Matcha, Kollagendrinks oder Red-Light-Therapy Masken. Wenn Ärzt:innen oder Medizinstudent:innen Produkte bewerben oder kosmetische Leistungen promoten, verschwimmen laut ihr die Grenzen zwischen Information und Marketing. Im Gesundheitsbereich gelten strengere ethische Maßstäbe. Werbung für Arzneimittel oder invasive Eingriffe sind oft nicht nur unethisch, sondern auch verboten, so Jens Prütting im Interview mit ZDF Magazine Royale.

Auch der Konsumentenschutz weist darauf hin, dass Nahrungsergänzungsmittel oder Lifestyleprodukte häufig mit medizinischen Versprechen beworben werden, ohne ausreichender wissenschaftlicher Grundlagen. Produkte wie Kollagengetränke oder Detox-Kuren zählen dabei zu den populärsten Beispielen. Die Wirkungen sind vielfach unbelegt und dennoch profitieren solche Inhalte davon, dass soziale Netzwerke emotionalisierende Darstellungen bevorzugen.

Was Forschung und Expert*innen fordern

Für eine Verbesserung der Situation verweisen Expert:innen auf zwei Notwendigkeiten: Mehr Medienbildung und klarere Regeln. Gell sieht internationale Standards als sinnvoll, etwa einen freiwilligen Verhaltenskodex für Medfluencer, der Transparenz und Verantwortung festlegt. Naderer betont zudem die Rolle staatlicher Aufsicht bei irreführender Gesundheitswerbung. Engel wiederum verweist auf die Relevanz digitaler Gesundheitskompetenz, die bereits in Schulen verstärkt Thema werden sollte.

Fest steht: Medfluencer werden nicht mehr aus der Gesundheitskommunikation verschwinden. Ihr Einfluss ist groß und damit auch die Verantwortung. Wie gut Nutzer:innen künftig zwischen seriöser Information und fragwürdigen Inhalten unterscheiden können, hängt gleichermaßen von Regulierung, Aufklärung und kritischer Mediennutzung ab.

INFO BOX:

Medfluencer… setzt sich aus „Medical“ und „Influencer“ zusammen. Er bezeichnet Social-Media-Persönlichkeiten, die Inhalte rund um Gesundheitsthemen verbreiten. Während einige von ihnen ausgebildete Ärztinnen und Ärzte sind, fehlt vielen anderen jegliche medizinische Qualifikation. Dennoch geben sie Tipps zu Ernährung, Fitness oder mentaler Gesundheit und empfehlen oft Produkte – von Nahrungsergänzungsmitteln bis hin zu medizinischen Geräten.

Red Flag… bedeutet wörtlich „rote Flagge“ und bezeichnet im übertragenen Sinne ein Warnzeichen für potenzielle Probleme, Risiken oder Gefahren. Der Begriff wird häufig in der Jugendsprache im Kontext von Beziehungen verwendet.

Viral… bedeutet, dass sich ein Inhalt wie ein Video oder ein Text im Internet explosionsartig und rasant verbreitet, oft durch soziale Medien, weil er von vielen Menschen gesehen, geliked und kommentiert wird.

Gesundheitscoach…ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Ein Gesundheitscoach unterstützt Menschen dabei, gesunde Gewohnheiten zu entwickeln und ihr Wohlbefinden zu verbessern.

Konsumentenschutz…auch Verbraucherschutz ist die Gesamtheit aller gesetzlichen Maßnahmen und Regelungen, die Verbraucher vor Nachteilen schützen, wenn sie Waren oder Dienstleistungen kaufen, indem sie das Ungleichgewicht zwischen mächtigeren Unternehmen und schwächeren Konsumenten ausgleichen, etwa durch Gewährleistungspflichten, Widerrufsrechte bei Fernabsatzgeschäften oder die Sicherstellung sicherer, nicht gesundheitsschädlicher Produkte.

Quellen: 

  1. Studie zu Health-/Medfluencern 
  2. Health Communication / Social Media Kontext (ScienceDirect)
  3. Konsumentenfragen – „Die Schattenseiten der Medfluencer“
  4. Springermedizin – „Ein bisschen Social Media gibt es nicht“
  5. APA Science – PowerSearch Artikel
  6. Video: Medizinische Influencer:innen: Diagnose Selbstvermarktung