Gewalt im Alter: Die vergessenen Opfer von Femiziden

Ältere Frauen gehören immer öfter zu den stillen Opfern geschlechterspezifischer Gewalt. Während vorallem im Jahr 2024 Femizide zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit erhalten haben, bleiben geschlechterspezifische Morde an älteren Frauen oft im Hintergrund.

von Shirin Öksüz und Lilla Petrak

(c): KI generiert mit DALL E

Was ist ein Femizid?

Die autonomen österreichischen Frauenhäuser definieren den Begriff wie folgt: „Femizid ist die vorsätzliche Tötung einer Frau durch einen Mann aufgrund ihres Geschlechts bzw. aufgrund von ‚Verstößen‘ gegen die traditionellen sozialen und patriarchalen Rollenvorstellungen, die Frauen zugeschrieben werden.“

Elisabeth Cinatl, die Geschäftsleiterin des Vereins Wendepunkt, ein Verein, der Frauen und Mädchen in Gewaltsituationen berät, schützt und unterstützt, betont jedoch, dass es keine allgemein gültige Definition von Femizid gebe. Entscheidend sei aus ihrer Sicht, dass eine Frau aufgrund ihres Geschlechts ermordet werde, wenn ein Mann davon ausgehe, Anspruch auf sie zu haben oder aus einem tief verankerten Frauenhass heraus handelt und sich im Recht fühlt, „sie wegen ihres Frauseins zu töten“.

Journalistin und Autorin Yvonne Widler weist darauf hin, dass Femizide nicht als isolierte Einzelfälle verstanden werden dürften, sondern ein eigenes Gewaltphänomen mit spezifischen Motiven darstellen. Tief verankerte patriarchale Denkmuster spielten dabei eine zentrale Rolle und müssten bei der Einordnung und Prävention stärker berücksichtigt werden.

Statistische Einordnung

Statistiken der AÖF zeigen, dass laut Medienberichten im Jahr 2023 insgesamt 26 mutmaßliche Femizide, durch (Ex-)Partner, Familienmitglieder oder anderen Personen aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld der Opfer verübt wurden. 13 der getöteten Frauen waren über 50 Jahre alt. Im Jahr 2024 stieg die Zahl weiter an: 29 mutmaßliche Femizide, davon 17 an Frauen über 50. Für das Jahr 2025 wurden bis zum 17. November bereits 14 Fälle registriert, dabei waren 9 der Opfer über 50 Jahre alt.

Betrachtet man die Statistiken genauer, zeigt sich deutlich, dass die Mehrheit der Täter aus dem engsten familiären Umfeld der Opfer stammt, insbesondere Ehepartner oder Ex-Partner, aber auch die eigenen Kinder. Dazu sagt Elisabeth Cinatl : „Es macht natürlich einerseits einen Unterschied, wenn ein erwachsenes Kind, die Mutter ermordet oder ob der Ehepartner die Ehefrau ermordet. Wenn’s jetzt aber ein Sohn ist, der die Mutter ermordet aufgrund eines internalisierten Frauenhasses, dann könnte man es unter Femizid nehmen.“

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Morde an älteren Frauen und ihre Motive

Cinatl erklärt, dass bei älteren Frauen oft mehrere zusätzliche Belastungen zusammenkommen, wie Pflegeverantwortung, gesundheitliche Einschränkungen oder andere Umstände, die sie besonders vulnerabel machen. Gleichzeitig betont sie, dass die Abgrenzung zwischen einem Femizid und einer Tat aus Überforderung nicht immer eindeutig sei. Von einem Femizid spreche man dann, wenn ein Mann aus starkem Besitzdenken heraus gehandelt habe, nach der Vorstellung, die Frau gehöre ihm und könne ohne ihn nicht weiterleben.

Gleichzeitig gibt es Fälle, in denen Männer selbst kaum belastbar seien, etwa wenn sie, als über 80-Jährige die Pflege ihrer demenzkranken Partnerin übernehmen müssen, ohne Unterstützung zu haben. In solchen Situationen sei es nicht immer eindeutig, ob eine Tötung aus Überforderung oder aus internalisiertem Frauenhass bzw. patriarchalen Motiven geschehe. Cinatl weist darauf hin, dass das Motiv bei solchen Delikten oft kaum oder gar nicht mehr zu erheben sei, was die Einordnung zusätzlich erschwere.

Yvonne Widler erklärt, dass Femiziden in der Regel eine lange Phase von Gewalt vorausgeht und diese Taten kaum überraschend geschehen. Häufig habe es bereits zuvor Übergriffe oder behördliche Maßnahmen wie Betretungsverbote gegeben.

Anfang 2025 erwähnt der Standard in einer Recherche, dass die Gewalt an über 60-Jährigen häufig im Verborgenen bleibt. Bei älteren Frauen ist sie noch schwerer zu erkennen als bei jüngeren, kaum eine Betroffene sucht aktiv Hilfe. In den vergangenen zwei Jahren lag der Anteil der über 60-Jährigen, die bei der Frauenhelpline anriefen, bei durchschnittlich unter acht Prozent. Auch in den autonomen österreichischen Frauenhäusern zeigt sich ein ähnliches Bild. In den letzten zehn Jahren machten Frauen über 60 im Schnitt nur rund zwei Prozent der Bewohnerinnen aus.

Wahrnehmung und Berichterstattung

Auf die Frage, ob Gewalt an älteren Frauen in der österreichischen Berichterstattung untergeht, erläutert Cinatl, dass ältere Frauen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung generell kaum präsent seien. Sie werden häufig lediglich in ihrer Rolle als Großmütter gesehen. Solange sie sich um Enkelkinder kümmern, gelten sie als sichtbar. Sobald ältere Frauen jedoch eigene Interessen verfolgen oder offen sagen, dass sie nicht mehrere Tage pro Woche Kinderbetreuung übernehmen möchten, werde das schnell als ungewöhnlich empfunden.

Dieses generelle Unsichtbar machen, spiegle sich auch in den Medien wider. Cinatl macht darauf aufmerksam, dass ältere Frauen, beispielsweise im ORF, in den vergangenen Jahren zunehmend aus dem Bild verschwunden sind, während männliche Kollegen im selben Alter weiterhin präsent blieben. Aus ihrer Perspektive trägt dieser Umstand dazu bei, dass ältere Frauen strukturell unsichtbar gemacht werden.

In der Folge wird auch über Femizide an Seniorinnen seltener berichtet oder die Fälle werden verharmlosend als „Suizid“ oder „erweiterter Suizid“ dargestellt. Diese Begriffe hält Cinatl für irreführend, da ein „erweiterter Suizid“ per Definition nicht existiere.

Schutzmaßnahmen für eine übersehene Altersgruppe

Cinatl hält fest, dass Gewalt an älteren Frauen zwar nie vollständig verhindert werden könne, es aber wirksame Schritte gäbe, um Prävention zu verbessern. Unterstützungsorganisationen müssten ihre Angebote stärker an die Lebensrealität älterer Frauen anpassen, da diese über Social Media kaum erreichbar seien und seltener Veranstaltungen besuchen. Wichtig seien deshalb mobile Angebote sowie Kooperationen mit Senior*innenvereinen oder des gleichen. Orte, an denen ältere Frauen tatsächlich erreichbar sind.

Ergänzend betont Yvonne Widler, dass Unterstützungsangebote wie die Frauenhelpline, die kostenlos und rund um die Uhr erreichbar ist, wichtige erste Anlaufstellen für Betroffene sein können.

Außerdem braucht es mehr Schulungen für jene Berufsgruppen, die regelmäßig mit Seniorinnen zu tun haben, wie beispielsweise mobile Pflegedienste oder Mitarbeitende im Gesundheitswesen. Sie könnten Anzeichen von Gewalt früh erkennen, wenn sie entsprechend sensibilisiert sind.

Für ältere Frauen, die Unterstützung suchen oder erstmals über Gewalt sprechen möchten, gibt es spezialisierte Einrichtungen wie den Verein Wendepunkt oder den Verein Orient Express, die Beratung, rechtliche Unterstützung und sichere Anlaufstellen für alle Altersgruppen bieten.

Infoliste

Frauenhelpline: 24 Stunden erreichbare helpline. kostenlos – anonym – vertraulich

Verein Wendepunkt: berät und schützt Frauen, die von Gewalt betroffen sind

Verein Orient-Express: unterstützt Frauen bei Gewalt und familiären Konflikten, besonders im Migrationskontext