©[Alfred Nevsimal, befreundeter Fotograf / Einwilligung]
Kreuzbandrisse treffen Sportlerinnen deutlich häufiger als Männer. Anatomische Unterschiede, hormonelle Faktoren und schwache Strukturen im Frauensport verstärken das Risiko. Die Verletzung der 20-jährigen Handballerin Anna Lauter zeigt, was das für den Alltag von Athletinnen bedeutet.
Ein Moment, der alles verändert
Es passiert ohne Gegnerin, ohne spektakuläre Szene. Anna Lauter setzt im Training zu einer Täuschung an. Eine alltägliche Bewegung, die sie schon unzählige Male gemacht hat. Doch diesmal knickt ihr Knie nach innen und sie fällt hin. „Ich wusste sofort, dass die Saison vorbei ist“, sagt Lauter. Das MRT bestätigt den Verdacht: Kreuzbandriss. Mitte Mai wurde sie operiert.
Lauter ist nicht die einzige Betroffene. In ihrem Verein WAT Atzgersdorf rissen sich innerhalb eines Jahres fünf Spielerinnen das vordere Kreuzband. Ähnliche Fälle gibt es auch in anderen Sportarten.
Zahlen & Fakten zu Kreuzbandrissen
- Frauen erleiden 2–8× häufiger einen Kreuzbandriss als Männer.
- In der deutschen Frauen-Bundesliga gab es in einer Saison 26 Kreuzbandrisse.
- Beim ÖFB-Frauenteam fehlen aktuell 4 Spielerinnen wegen Kreuzbandrissen.
- Bei WAT Atzgersdorf gab es in einem Jahr 5 Kreuzbandrrisse.
- Die Reha dauert oft 9–15 Monate.
Ein Muster, das sich wiederholt
Auch im Fußball ist die Entwicklung auffällig. In der deutschen Frauen-Bundesliga wurden zuletzt 26 Kreuzbandrisse in einer Saison gezählt. Österreich fehlen dem Nationalteam derzeit vier Leistungsträgerinnen aus genau demselben Grund. Internationale Studien zeigen, dass Frauen zwei- bis achtmal häufiger betroffen sind. Für viele Vereine wird das zur Belastung.
Warum Frauen ein höheres Risiko haben
Physiotherapeut Neil Faustino arbeitet täglich mit verletzten Athletinnen. Er erklärt das höhere Risiko anatomisch: „Frauen haben einen größeren Q-Winkel, das ist der Winkel zwischen Hüfte und Knie. Dadurch kippen die Knie leichter nach innen.“ Das erhöht die Belastung auf das Kreuzband. Dazu kommen schwächere Hüftmuskeln, Unterschiede in der Rumpfstabilität und hormonelle Schwankungen. „Studien zeigen, dass sich die Belastbarkeit der Bänder im Laufe des Menstruationszyklus verändert und bestimmte Phasen verletzungsanfälliger sind.“, sagt Faustino.
Trotzdem wird darauf im Alltag kaum Rücksicht genommen. Zyklusorientiertes Training sei komplex und teuer. Faustino: „Das gibt es nur bei Top-Teams. Im Amateur- und Halbprofibereich praktisch gar nicht.“
Strukturen, die nicht mithalten
Während Männerteams oft ein medizinisches Team zur Verfügung steht, sieht es im Frauenfußball ganz anders aus. Ein ORF-Bericht zeigt Fälle, in denen die Physiotherapie „von Student:innen“ übernommen wird oder gar kein medizinisches Team vorhanden ist. Das erschwert Prävention und verlängert Rehabilitationsphasen.

Team von der Seite aus zuschauen ©[Luca Tesche]
Dazu kommt: Viele Trainingsprogramme sind für Männer entwickelt worden. Frauen haben jedoch andere körperliche Voraussetzungen und werden anders belastet. Fachleute nennen diese Unterschiede inzwischen den Gender Health Gap, also die Lücke zwischen dem, was Frauen eigentlich brauchen würden, und dem, was sie in der Praxis bekommen.
Auch Anna Lauter merkt das. „Nach meiner Verletzung musste ich alles selbst organisieren. Termine, Krafttraining, Reha. Vom Verein kam wenig“, sagt sie. Sobald man länger ausfällt, wird es still um die Sportlerinnnen. „Man wird schnell vergessen.“ Vieles, das vorher selbstverständlich war, fällt plötzlich weg.
Was ist der Gender Health Gap?
- Folge: Höheres Risiko für schwere Verletzungen
- Lücke zwischen medizinischer Versorgung von Männern und Frauen
- Trainings- und Rehapläne oft an Männerkörpern orientiert
- Frauen seltener in sportmedizinischen Studien vertreten
- Weniger Budget im Frauenbereich → weniger Betreuung
Ein System, das sich verändern muss
Faustino sieht großen Handlungsbedarf. „Zyklusorientierte Belastungssteuerung, Kraftprogramme für Hüfte und Rumpf, bessere Landetechnik, all das könnte viele Verletzungen verhindern.“ Doch die Umsetzung scheitert oft am Geld. Männerteams erhalten früher und mehr finanzielle Unterstützung, was zu besseren Reha-Strukturen führt. Frauen müssen mit weniger Ressourcen auskommen. Lauter würde im Training sofort etwas ändern: „Mehr Rücksicht auf den Zyklus, mehr Prävention und mehr Unterstützung für Verletzte.“
Ein Blick in die Zukunft
Im internationalen Spitzensport wächst das Bewusstsein für geschlechtsspezifisches Training. Studien nehmen zu, Präventionsprogramme werden verfeinert. Doch im Amateur- und Halbprofibereich ist davon bislang wenig angekommen.
Der Kreuzbandriss zeigt deshalb weit mehr als ein medizinisches Problem. Er macht sichtbar, wie stark der Sport noch am männlichen Körper orientiert ist. Sportphysiotherapeut Neil Faustino berichtet, dass in seinem Masterstudium inzwischen intensiv über diese Unterschiede gesprochen wird und dort viel Bewusstsein entsteht. Für ihn ist das eine wichtige positive Entwicklung, auch wenn es seiner Einschätzung nach noch dauern wird, bis dieses Wissen überall umgesetzt werden kann.
Damit Veränderungen im Trainingsalltag ankommen, braucht es Zeit, Geld und Strukturen. Doch nur so lässt sich verhindern, dass Athletinnen wie Anna Lauter immer wieder die gleichen Verletzungen durchlaufen müssen.