Österreichs Gesundheitssystem steht vor einer großen Herausforderung: Der Personalmangel in der Pflege hat sich in den letzten Jahren stark verschärft. Laut dem Gesundheitsministerium müssen bis zum Jahr 2030 voraussichtlich 43.200 Pflegefachkräfte in Österreichs Krankenhäusern nach- oder neubesetzt werden. Die Folgen sind spürbar: überlastete Pflegekräfte, eingeschränkte Versorgungsqualität und eine steigende Belastung für alle Beteiligten.

Ein Tag im Krankenhaus
Hafsa arbeitet seit drei Monaten als Krankenpflegerin in einem Wiener Kinderkrankenhaus und gibt einen Einblick in ihren Berufsalltag:
Um 5:30 klingelt der Wecker, Schichtbeginn ist um 7 Uhr, erschöpft von den Überstunden der letzten Tage, macht sich Hafsa auf den Weg in die Arbeit. In den letzten Wochen fielen viele Kolleg:innen krankheitsbedingt aus, wodurch die verbleibenden Pflegekräfte zusätzliche Arbeitslast übernehmen müssen. Kaum auf der Station angekommen folgt eine Krise auf die andere, Hafsa kommt erst wieder nach 4 Stunden zum Sitzen für ihre verkürzte Mittagspause.
Um 21 Uhr am Abend fällt sie erschöpft ins Bett, ihr Schichtende war um 19 Uhr, jedoch musste sie noch etliche Aufgaben erledigen, zu denen sie und ihre Kolleg:innen nicht während der offiziellen Arbeitszeit gekommen sind.
Wieso trotzdem Pflegerin werden?
Hafsas Motivation für den Beruf entstand 2019, als sie selbst stationär in einem Krankenhaus behandelt wurde und dort eine sehr fürsorgliche Pflege erfuhr.
„Die Aufmerksamkeit, Empathie und das Engagement der Pflegekräfte haben mir sehr geholfen und mir gezeigt, wie wichtig es ist, Menschen in schwierigen Zeiten zu unterstützen. Diese Erfahrung hat in mir den Wunsch geweckt, anderen Menschen, vor allem auch Kindern, ein gutes Gefühl zu geben und sie genauso gut zu betreuen, wie ich es erfahren habe.“

Berufsvorstellungen und Realität
Nach ihrem Abschluss im Studiengang Gesundheits- und Krankenpflege im Jahr 2024 trat Hafsa eine Vollzeitstelle im Krankenhaus an. Schon nach kurzer Zeit im Beruf spürt sie einen starken Personalmangel. Sie wurde schon während des Studiums vorgewarnt, dass Krankenpflegeberufe Herausforderungen mit sich bringen, doch dass ihr Stresslevel derartig steigen wird, hatte sie sich nicht gedacht.
„Ich bin oft die einzige Pflegekraft für zwei Ambulanzen mit zwei Ärzt:innen gleichzeitig und muss mich auf beide Räume aufteilen.“
Situationen wie Hafsas kennt Gudrun gut, sie arbeitete 40 Jahre lang als Krankenpflegerin an verschiedenen österreichischen Krankenhäusern. 2022 entschied sie sich früher als geplant in Pension zu gehen. Die Erfahrungen während der Pandemie bestärkten ihre Entscheidung.
„Personalmangel laugt aus und geht auf Kosten der Qualität, Personal brennt aus und die Pflege wird mangelhaft. Ich konnte noch mit 60 Jahren in den Ruhestand gehen, jetzt wird das Pensionsalter schrittweise angehoben auf 65, beziehungsweise 67.“
Hohe Belastung führt zum Ausstieg
Laut einer Studie des Sozialministeriums planen 65 % der Pflegekräfte nicht, bis zur Pension in ihrem Beruf zu bleiben. Diese Ergebnisse überraschen Gudrun nicht:
„Wer die Möglichkeit hat abzuspringen, tut es, weil es mit den Jahren wirklich anstrengend wird, ab einem gewissen Alter werden 12 Stunden Dienste, vor allem Nachtdienste zu anstrengend, man braucht dann schon zwei Tage, um sich zu erholen, was wiederum zulasten der freien Tage fällt, die man eigentlich aktiv genießen möchte“.
Auch Hafsa möchte nicht bis zur Pension auf einer Station arbeiten, für sie sind Entwicklungsmöglichkeiten in ihrem Beruf sehr wichtig, wie zum Beispiel Zusatzausbildungen, Forschungsprojekte oder Qualitätsmanagement, um den Pflegeprozess zu optimieren.
Blick in die Zukunft
Um den Beruf für die junge Generation attraktiv zu machen, braucht es dringend Verbesserungen, so Gudrun: „Weiterbildungsmöglichkeiten könnten helfen den Beruf attraktiver für junge Leute zu Machen, doch am wichtigsten sind Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen, zum Beispiel flexible Arbeitszeiten durch freie Dienstplangestaltung und Entlastung des älteren Personals, ohne natürlich die Jüngeren zu belasten.“ Ohne umfassende Maßnahmen verschärft sich der Personalmangel weiter und gefährdet langfristig die Versorgungsqualität sowie die Stabilität des Gesundheitssystems.
Quellen:
Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (2023): Pflegepersonalbedarfsprognose Update bis 2050: https://broschuerenservice.sozialministerium.at/Home/Download?publicationId=707&attachmentName=Pflegepersonalbedarfsprognose_Update_bis_2050.pdf
Sozialministerium Umfrage Pflegeberufe (2021): https://www.sozialministerium.at/Themen/Pflege/Pflegepersonal.html
Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (2021): Arbeitsbedingungen in Pflegeberufen: https://broschuerenservice.sozialministerium.at/Home/Download?publicationId=784
Pflegepersonal-Bedarfsprognose für Österreich (2023): https://broschuerenservice.sozialministerium.at/Home/Download?publicationId=722