Nie zuvor wurde so viel Second Hand eingekauft wie heute. Gerade in Wien wird ein zunehmender Anstieg deutlich. Aber ist das ein Zeichen für nachhaltigen Konsum oder lediglich eine kurzfristige Verschiebung des Konsumverhaltens?
Immer mehr Second-Hand-Läden tauchen in den Straßen Wiens auf, und das nicht ohne Grund: Das Geschäft boomt. Der Konsum von Gebrauchtwaren findet vor allem online auf Plattformen wie willhaben.at, aber auch auf Flohmärkten und in den entsprechenden Geschäften statt. Eine Umfrage des Handelsverbands zeigt, dass fast die Hälfte der Wiener:innen regelmäßig Second-Hand-Waren kauft – eine Zahl, die vor einigen Jahren noch deutlich geringer war. Kann man nun von einem bewussteren Konsumverhalten im Sinne der Nachhaltigkeit ausgehen?
Second Hand als Beitrag zur Nachhaltigkeit?
Marlies Hrad vom Institut für Abfall- und Kreislaufwirtschaft an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) erklärt, dass Re-Use-Produkte grundsätzlich Vorteile bieten. Der Markt fügt sich fließend in die Kreislaufwirtschaft ein und zielt darauf ab, die Lebensdauer von Produkten zu maximieren. Er fördert somit eine nachhaltige Produktpolitik. Doch der Haken: Hohe transportbedingte Emissionen im gesamten Verkaufsprozess können dies wieder reduzieren.

Hrad sieht eine Förderung der Kommerzialisierung des Second-Hand-Marktes. Dafür verantwortlich sind, unter anderem, politische Maßnahmen wie die neuen EU-Regulationen. Diese unterstützen die Wiederverwendung und schaffen Anreize für Unternehmen. Es entsteht Vermarktung mit Labels wie „pre-owned”, wodurch zunehmend Second-Hand-Produkte ihren Weg in den klassischen Einzelhandel finden.
Labels wie „pre-owned“ und „pre-loved“ werden zunehmend zur Markierung von Second-Hand-Produkten verwendet. Das reicht von Kleidung bis Möbel und andere Waren wie Bücher.
„Derzeit erleben wir tatsächlich einen regelrechten Hype um Second-Hand-Produkte.”
– Martin Greimel
Martin Greimel, Leiter des Zentrums für Bioökonomie an der BOKU, sieht einen Trend. Ob dieser zu einer nachhaltigen Veränderung führt, ist jedoch noch nicht klar. Dennoch betont Greimel die Chancen, die der Second-Hand-Markt bereits bietet. Dieser trägt dazu bei, ein Bewusstsein für nachhaltigen Konsum zu schaffen. Die Motivationen für den Kauf variieren, dennoch besteht der Gedanke, gebrauchte Produkte wiederzuverwenden.
Was muss getan werden?
Greimel hebt, ähnlich wie Hrad, die Herausforderung langer Transportwege heraus. Man soll sicherstellen, dass nur Produkte mit hohem Wert transportiert werden, um zu vermeiden, dass die CO₂-Bilanz der neuen Herstellung günstiger wäre. Ein Qualitätsnachweis ist wichtig, damit die Produkte eine gewisse Garantie bieten.
Hrad und Greimel sind sich einig, dass der Fokus auf hochwertigen und langlebigen Produkten liegen sollte. Beide sehen Lösungsansätze in einer besseren Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere durch sozial-ökonomische Betriebe und kleinere Initiativen, die soziale sowie ökonomische Vorteile bieten. Eine stärkere Nutzung sozialer Medien könnte hier essenziell sein, um Reichweite zu erhöhen und Transparenz zu schaffen.
„Der Second-Hand-Markt muss dazu beitragen, dass bewusster konsumiert wird. Dann wird er erfolgreich sein.”
– Martin Greimel
Darin sieht Martin Greimel das Erfolgsrezept für den Markt. Auch Hrad betont, dass der Gedanke der Nachhaltigkeit und reduzierter Konsum entscheidend sind. Das führt zu einer wirklichen Ressourcenschonung, statt nur die Überproduktion zu rechtfertigen.
Spiegeln Konsument:innen diese Gedanken wieder?
In einer für diesen Artikel durchgeführten Befragung in Wiener Second-Hand-Betrieben gaben viele Konsument:innen ähnliche Antworten. Was auffällt: Vor allem junge Menschen halten sich in den Läden auf. Die ungefähr fünfzehn zufällig Ausgewählten wurden gefragt, was sie an Second-Hand-Produkten am meisten schätzen. Einige der oft wiederholten Aussagen waren wie folgt:
„Sie sind einzigartig. Nicht wie von der Stange.”
– Konsument:innen in Wiener Second-Hand-Läden
„Man kann eine gute Geschichte erzählen, wie man sie gefunden hat.”
„Die Erfahrung ist viel besser, weil man immer wieder etwas Unerwartetes findet.”
Eine Konsumentin fasste viele der Gedanken gut zusammen:

Der Nachhaltigkeitsgedanke wurde zumindest bei dieser Umfrage nicht so oft erwähnt wie andere Gründe. Zu beachten bleibe jedoch die relativ geringe Stichprobenzahl. Ein Bild der allgemeinen Motivation lässt sich also nur schwer zeichnen. Trotzdem lässt sich hiermit vermuten, dass Nachhaltigkeit nicht der ausschlaggebende Anreiz für junge Käufer:innen ist.
Zukunft mit Potenzial?
Langfristig bleibt abzuwarten, ob der Second-Hand-Markt in Wien ein Modell für nachhaltigen Konsum oder lediglich ein temporärer Trend bleibt. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit in Einklang zu bringen.
Quellen
Produktkategorien von Second Hand
Publikation einer Einschätzung des Potenzials von ausgewählten Secondhand-Angeboten
Anstieg an Kund:innen von SecondHand-Onlineshops
Interview mit Martin Greimel, Leiter des Zentrums für Bioökonomie an der BOKU
Interview mit Dr. Marlies Hrad vom Institut für Abfall- und Kreislaufwirtschaft an der BOKU
Interview mit ungefähr 15 Konsument:innen in unterschiedlichen Wiener Second-Hand-Betrieben