Die unsichtbare Hälfte: Warum der Gender Health Gap uns alle betrifft

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Die Welt wird von Daten regiert – doch nicht alle werden gleichermaßen erfasst. Der Gender Health Gap zeigt, wie die Ignoranz gegenüber Frauen zu gravierenden Problemen führt. Von der Medizin bis zur Stadtplanung – ein System, das Frauen systematisch ignoriert, birgt gefährliche Folgen.

Die Welt der Daten – eine männliche Welt
Daten prägen unser Leben. Doch die Hälfte der Weltbevölkerung wird dabei systematisch übersehen: Frauen. In Medizin, Arbeitswelt und Stadtplanung zeigt sich diese Ignoranz in einer erschreckenden Wissenslücke: dem Gender Health Gap.

Der Begriff beschreibt die geschlechterbezogene Datenlücke, die durch jahrelange Forschung von Männern über Männer entstand. Frauen wurden oft nicht berücksichtigt – mit teils lebensgefährlichen Konsequenzen. Diese Problematik wird häufig ignoriert und ist nur eine von vielen Formen des Gender-Gaps, vergleichbar mit dem bekannteren Gender-Pay-Gap.

Gefahren durch Unwissenheit: Gesundheit und Alltag
Die Auswirkungen des Gender Health Gaps ziehen sich durch viele Lebensbereiche: Gesundheit, Wissenschaft, Stadtplanung und Ökonomie. Selbst im Alltag zeigt sich das Problem. So frieren Frauen in Büros oft, weil die empfohlene Temperatur auf Basis der Stoffwechselrate eines 40-jährigen Mannes berechnet wurde. Für Frauen ist es dadurch oft zu kalt.

Noch gravierender sind die Risiken in der Medizin. Diagnosen und Behandlungen basieren oft auf Studien, die fast ausschließlich an männlichen Probanden durchgeführt wurden. Frauen reagieren jedoch anders auf Medikamente oder zeigen andere Symptome, etwa bei einem Herzinfarkt. Diese Unterschiede werden oft nicht ausreichend erforscht oder berücksichtigt.

Auch technische Geräte wie Smartphones orientieren sich am Prototyp Mann. Frauen, die durchschnittlich kleinere Hände haben, können darunter leiden: Pianistinnen etwa sind häufiger von Verletzungen betroffen.

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Ein persönliches Beispiel zeigt, wie Frauen diese Lücken erleben: „Vor ein paar Jahren hatte ich immer wieder Schwindelanfälle. Ich bin zu mehreren Ärzten gegangen, und die meisten meinten, ich sei überarbeitet oder es läge am Wechsel,“ erzählt Martina L., 49 Jahre alt. „Erst eine Ärztin hat herausgefunden, dass ich eine Schilddrüsenunterfunktion habe. Es war frustrierend, so lange nicht ernst genommen zu werden.“

Auch Rebeca Kling, zweite stellvertretende Vorsitzende der ÖH Uni Wien, hebt hervor, mit welchen Herausforderungen Studentinnen kämpfen: „Viele berichten, dass sie sich bei gesundheitlichen Problemen oft allein gelassen fühlen. Besonders bei mentaler Gesundheit fehlen spezifische Angebote.“ Sie fordert mehr frauenspezifische Programme und die Integration der Gendermedizin in universitäre Strukturen.

Ein notwendiger Wandel: Gendermedizin als Lösung
Die Gendermedizin berücksichtigt geschlechtsspezifische Unterschiede in Diagnostik und Behandlung, einbeziehend biologische, psychologische und soziale Aspekte. Obwohl das Problem mittlerweile anerkannt ist, steht die Forschung noch am Anfang. Sonja Sperber, Expertin für Gendermedizin, erklärt: „Die Behebung des Gender Health Gaps ist kein Prozess, der von heute auf morgen stattfindet. Dies ist eine strukturelle Frage und dauert Jahre bis Jahrzehnte.“

Sexismus in der Medizin: Mehr als nur ein Datenproblem
Der Gender Health Gap ist nur ein Symptom eines tieferliegenden Problems, nämlich des strukturellen Sexismus im Gesundheitswesen. Frauen in der Medizin werden in ihrer Karriere benachteiligt, da sie oft weniger verdienen und seltener Führungspositionen erreichen. Zudem werden sie häufig durch Stereotype als weniger kompetent wahrgenommen. Erfahrungen mit sexueller Belästigung wirken sich sowohl beruflich als auch persönlich negativ auf sie aus.

Ein unvollständiges Bild schadet allen
Die Ignoranz gegenüber Frauen in der Datenerfassung betrifft uns alle. Martina L. fasste es so zusammen: „Wenn Frauen nicht berücksichtigt werden, fehlt ein entscheidender Teil des Ganzen.“ Ein System, das Frauen nicht berücksichtigt, versagt dabei, die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit zu verstehen und zukunftsfähige Lösungen zu schaffen.