Das hier postete Christian Lindner, als die Teillegalisierung von Cannabis in Deutschland endgültig beschlossen wurde. Wenn selbst der Bundesfinanzminister und Vorsitzende der FDP – nicht unbedingt ein Vertreter von radikalen Ansichten – einen offeneren Umgang mit Cannabis begrüßt, stellt sich die Frage: Warum bleibt die Akzeptanz bei anderen Substanzen aus? Während immer mehr Länder wie Luxemburg (2023) oder einige Bundesstaaten der USA und Kanada diesen Weg gehen, bleibt die gesellschaftliche Haltung gegenüber anderen Drogen überwiegend ablehnend. Aber warum ist das so? Liegt es wirklich an den deutlich höheren gesundheitlichen Risiken dieser Substanzen? Oder werden die Debatten darüber vor allem von Vorurteilen und Emotionen geprägt?
Cannabis im Vergleich weniger Schädlich
In einer von Suchtexperten durchgeführten Studie, werden die Dosierung einzelner Drogen in Gebrauchsdosis und gefährlicher Dosis eingeteilt. Wenn man diese miteinander vergleicht wird deutlich, dass andere Substanzen im Vergleich zu Cannabis deutlich gefährlicher sind. Das Verhältnis von Gebrauchsdosis zu gefährlicher Dosis bei Cannabis liegt bei 1:100, was bedeutet, dass man 100 normale Dosen konsumieren müsste, um eine für den Körper gefährliche Wirkung zu erzielen. Bei anderen Substanzen sieht das jedoch anders aus: Bei Kokain liegt das Verhältnis bei etwa 5–10, während es bei Heroin sogar bei 5 liegt. Überraschend: selbst Legale Stoffe wie Nikotin oder Alkohol schneiden schlechter als Cannabis ab. Während es bei Nikotin 10 gewöhnliche Dosen bräuchte um eine gefährliche Wirkung zu erzielen, hat Alkohol sogar einen Wert von 1:1. Das bedeutet, dass die übliche Konsummenge bei Alkohol bereits in einem Bereich liegt der als gefährlich gilt.
Bedeutet das jetzt aber dass ein offenerer Umgang mit Cannabis gerechtfertigt ist, während der restriktive Umgang mit anderen Substanzen beibehalten werden sollte? Die Autoren sprechen sich nicht direkt für einen offeneren Umgang mit Cannabis oder strengere Regeln für andere Substanzen aus. Sie liefern jedoch klare wissenschaftliche Daten, die nahelegen, dass die geringere Gefährlichkeit von Cannabis ein Grund dafür sein könnte das der Umgang mit der Substanz offener diskutiert wird. Ob und wie restriktiv der Umgang mit anderen Substanzen gestaltet wird, liegt laut ihrer Analyse in der Verantwortung der politischen Entscheidungsträger, die diese Daten berücksichtigen sollten.

Wie sĂĽchtig machen andere Drogen?
Neben der Gefährlichkeit von Drogen nach Dosierung, ist jedoch auch das Suchtpotenzial entscheidend. Hier zeigt sich dass Tabak (Nikotin) und Heroin zu den Substanzen gehören, die am süchtigsten machen. Laut einer Studie von James C. Anthony (1994) entwickeln 31,9 % der Erstkonsumenten von Tabak eine Abhängigkeit, während bei Heroin 23,1 % eine Sucht entwickeln – fast jeder vierte Konsument. Kokain folgt mit einem Abhängigkeitsrisiko von 16,7 %, was ebenfalls ein hohes Suchtpotenzial darstellt. Bei Alkohol beträgt die Wahrscheinlichkeit abhängig zu werden, 15,4 %, während es bei Cannabis nur 9,1 % sind – weniger als jeder zehnte Konsument entwickelt eine Abhängigkeit. Damit wird deutlich, dass Cannabis ein moderateres Suchtpotenzial hat als sowohl Alkohol, als auch die meisten illegalen Substanzen.
Die einzige Substanzen die laut der Studie besser abschneiden, sind Psychedelika wie LSD und Psilocybin (Magic Mushrooms). Diese Substanzen haben ein geringeres Abhängigkeitspotenzial, von 4,9%, da sie keine typischen Suchtmechanismen im Gehirn auslösen.
Die Ergebnisse der Studie unterstützen die Ansicht, dass Cannabis ein moderateres Suchtpotenzial im Vergleich zu Substanzen wie Tabak, Heroin und Alkohol aufweist. Dies könnte als Argument für einen offeneren Umgang mit Cannabis oder Psychedelika dienen, während restriktive Maßnahmen für Substanzen mit höherem Abhängigkeitspotenzial beibehalten oder verstärkt werden sollten. Auch hier sprechen sich die Autoren der Studie für eine evidenzbasierte Drogenpolitik aus, bei der das Abhängigkeitspotenzial der jeweiligen Substanz ein entscheidender Maßstab für den Grad der Restriktionen ist.

Rechtliche Einschätzungen: Chancen und Grenzen der Legalisierung
Martin Feigl und Arthur Machac, beide Rechtsanwälte mit Spezialisierung auf Suchtmittelrecht, geben Einblicke, warum die Legalisierung von Cannabis im Fokus steht, während härtere Drogen wie Kokain oder Heroin kaum thematisiert werden. Feigl erklärt, dass die Debatte bereits bei Cannabis stark emotionalisiert sei, bei anderen Drogen jedoch noch mehr:
„Dieses Thema Drogen ist derartig emotionalisiert, seit vielen, vielen Jahrzehnten, dass hier Sachpolitik äußerst schwer zu erzielen ist.“
Arthur Machac verweist auf kulturelle und strukturelle Gründe: „Cannabis kommt aus unserem Kulturkreis, und es gibt Industrielobbys sowie Verbände, die das wollen. Aber es gibt keinen Verband der Heroinkonsumenten oder der Kokainkonsumenten.“
Rechtlich sieht Machac kaum Unterschiede zwischen der Legalisierung von Cannabis und anderen Substanzen. „Der Gesundheitsminister könnte einfach per Verordnung entscheiden, was als Suchtgift behandelt wird und was nicht“, erklärt er. Diese Flexibilität lasse Spielraum für Reformen, sei aber politisch schwer durchsetzbar.
Feigl kritisiert die aktuelle Gesetzgebung als ineffektiv: „Der Reinheitsgehalt der Substanzen ist massiv gestiegen, und trotzdem konsumieren die Leute. Mit dem (momentanen) Strafrecht erreicht man meines Erachtens nach den Gesetzeszweck nicht.“ Machac schlägt vor, für Cannabis die Grenzmengen für den Besitz zu erhöhen und klare Grenzwerte für den Straßenverkehr festzulegen.
Sollten wir nun ĂĽber andere Substanzen sprechen?
Die Frage, ob der Umgang mit anderen illegalen Substanzen als Cannabis offener diskutiert werden sollte, lässt sich nicht pauschal beantworten. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass andere Drogen wie Heroin oder Kokain erhöhte gesundheitlichen Risiken und ein gesteigertes Abhängigkeitspotenzial haben(mit der Ausnahme von Psychedelika). Dennoch bleibt die Regulierung von Substanzen ein komplexes Thema, das nicht nur von wissenschaftlichen Fakten, sondern auch von gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Faktoren abhängt.
Experten, wie die Autoren der genannten Studien betonen die Notwendigkeit einer faktenbasierten und weniger emotionalisierenden Debatte, die sowohl gesundheitliche Risiken als auch mögliche gesellschaftliche Vorteile einer Legalisierung berücksichtigt. Eine evidenzbasierte Drogenpolitik könnte dazu beitragen, den Umgang mit Substanzen gerechter und effektiver zu gestalten – mit klarem Fokus auf Gesundheitsschutz, Prävention und gesellschaftliche Akzeptanz.